Hessel, Stéphane, De Keyser, Véronique: Palästina: Das Versagen Europas

«Gewaltlosigkeit kann leider wie Feigheit aussehen oder wie ein Mangel an Mut. Aber den Palästinensern fehlt es nicht an Mut. Deshalb muss man sich mit ihnen empören und die Fackel ihrer Hoffnung, aber auch ihres Zorns weitertragen. Wenn wir das nicht tun – und zwar sehr bald –, spielen wir der Gewalt in die Hände», schrieb Stéphan Hessel, Autor des Weltbestsellers «Empört euch!», wenige Tage vor seinem Tod in seinem Beitrag für das Buch von Véronique De Keyser, Professorin an der Universität Lüttich, Doyenne der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaft und Abgeordnete im Europa-Parlament als Vizepräsidentin der Fraktion der Sozialisten und Demokraten.

Wir kennen den Nahostkonflikt aus den Massenmedien, von Zeugnissen Betroffener und wissenschaftlichen Analysen. Das Buch «Palästina: Das Versagen Europas», das im Wesentlichen von de Véronique de Keyser stammt, vermittelt uns umfassende und hintergründige Einblicke in die politischen Prozesse der EU zum Nahostkonflikt seit dem Wahlsieg der Hamas 2006 bis zum Arabischen Frühling. Ein höchst spannender, am Ende jedoch, so kommt er bei mir an, hoffnungsloser Text. Warum? Wir lesen von engagierten, klugen, moralischen Ansätzen, Versuchen, Unternehmungen, wenn auch meist nur in Form von Papieren, welche in der Realpolitik immer wieder abgeschwächt, negiert, zurückgenommen, umgekehrt oder abgeschmettert wurden. Und so erleben wir, dass am Ende auch die Politik keine Lösung gebracht, die Lage nicht verbessert, im Gegenteilt verschlechtert hat. Alle positiven Versuche wurden und werden gebodigt von den Mächten, welche die Welt regieren: der Ehrgeiz, der Machthunger, die Geldsucht, die Wirtschaft, das Militär und die Religionen. Ähnlich wie die Berichte von Friedenskämpferinnen und Friedenskämpfern meist erfolglos enden, wie die Fakten der Neuen Historiker verleugnet werden und Begegnungen mit Palästinenserinnen und Palästinensern uns zwar erschüttern, aber schliesslich nicht viel bewirken. Mit einem bisher unbekannten Zugang zeigt uns dieses fundiert recherchierte, gut geschriebene und übersetzten Buch (wenn auch «trahison» im Originaltitel wohl ehrlicher mit «Verrat» statt mit «Versagen» wiederzugegeben wäre), dass die Wirklichkeit in Palästina – aber auch andern Ländern – nur noch mit «absurd» und mit der Figur des «Sisyphos» der griechischen Mythologie oder dem «lachenden Sisyphos» von Alber Camus umschrieben werden kann.

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Fotos: www.lesoir.be

Ich wünsche mir viele Leserinnen und Leser, die nach der Lektüre dieses ausgezeichneten Buches nicht wie ich resignieren, sondern mit Stéphane Hessel «Die Fackel der Hoffnung, aber auch des Zorns weitertragen» und mit  Véronique De Keyser weiter alles Menschenmögliche versuchen.

Hessel, Stéphane, De Keyser, Véronique: Palästina: Das Versagen Europas. Rotpunktverlag. Zürich 2014, 205 Seiten