Melzer, Abraham: Merkel erwache! Israel vor Gericht. Essays eines antizionistischen Juden

Am 5. Februar 2015 wurde Abraham Melzer, einer der grossen engagiert publizierenden Juden Deutschlands, Mitglied in der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost, 70.

abraham melzer
www.youtube.com

Seine alte Streitlust hat er immer noch, um gegen seinen Intimfeind Henryk M. Broder und dessen Mitläufer vorzugehen, was er auch hier intensiv macht, womit der Hintergrund des verbreiteten Israel-Palästina-Denkens in Deutschland ausgeleuchtet wird. In seinem neuen Buch geht es, wie Moshe Zuckermann im Vorwort schreibt, «zum einen um Kritik und Anklage der israelischen (Außen-)Politik, die seit bald 50 Jahren auf der Barbarei der Okkupation und der Unterdrückung des palästinensischen Volkes materiell wie ideologisch basiert ... Zum anderen aber auch um die Wahrnehmung dieses Grundumstandes im deutschen Diskurs, und zwar sowohl von Nichtjuden als auch von Juden. Während Melzer mit Bezug auf Israels Wirklichkeit die reale Repression und ihre ideologische Verbrämung anprangert, sieht er sich im deutschen Kontext mit dem Problem konfrontiert, dass die Protagonisten der politischen Klasse sich (aus «historischen» Gründen) scheuen, eine realitätsadäquate Politik Israel gegenüber zu verfolgen.»

«Wenn die Beziehung Deutschlands zu Israel (und Israels zu Deutschland) letztlich durch die nazistische Vergangenheit Deutschlands kodiert ist, diese Vergangenheit aber mittlerweile zur schändlichst fetischisierten Ideologie geronnen ist, so kann man sich dieser verfestigten Kodierung einzig durch Umwendung des Kodierten aus sich heraus entwinden.» Mit der Haltung der Bundeskanzlerin und deren Aussage, dass die Sicherheit Israel zur deutschen Staatsräson gehöre, geht der Autor hart ins Gericht. Denn sie behauptet, dass «einseitige Schritte dem Friedensprozess» schadeten. Wer solches sagt, so Melzer, handelt nach derselben Logik, die behauptet, «dass Arbeit frei mache». «Der Zynismus und die Häme mit denen die Israelis und die Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bestrebungen der Palästinenser nach Anerkennung und Beachtung beantworten, sind mindestens genauso widerlich und unmoralisch wie der Zynismus der Nazis ... Wie lange sollen wir noch diese Heuchelei ertragen», fragt er. «Russlands Vorgehen auf der Krim ist nicht akzeptabel, sagt Merkel und fügt hinzu, dass territoriale Integrität ein unverzichtbarer Teil der europäischen Nachkriegsordnung sei. Was ist aber mit der territorialen Integrität Palästinas? Warum schweigt sie zum israelischen Landraub, während sie die Russen kritisiert?» Gehört die Freiheit und die Würde der Palästinenser nicht zur «deutschen Staatsräson», sondern nur die der israelischen Besatzer?

Die drei Dutzend Essays des Bandes, die notgedrungen Wiederholungen enthalten, sind zwischen 2010 und 2014 veröffentlicht worden. Sie zeugen vom grossen Mut und der Gradlinigkeit, die man in Deutschland in Bezug auf Israelkritik selten antrifft. Angst, politisches Duckmäusertum und mangelnde Zivilcourage in Bezug auf das völkerrechtswidrige Verhalten der israelischen Regierungspolitik sind allerorten anzutreffen. Den Vorwurf des «Antisemitismus» weist Melzer zurück. Denn «Antisemitismus bedeutet, Juden zu hassen und töten zu wollen, nur weil sie Juden sind.» Folglich stelle Kritik an der Besatzungspolitik Israels keinen Antisemitismus dar. Ein Kampf für Gerechtigkeit und das Anprangern von Ungerechtigkeit könne nicht antisemitisch sein. «Nicht die Kritik an Israel ist antisemitisch, sondern die Politik Israels selbst.»

Das Buch, das in seinen Aussagen auf den Neuen Historikern und israelischen Journalisten fusst, ist allen an Israel und Palästina Interessierten zu empfehlen, insbesondere der politischen Klasse in Deutschland – und in der Schweiz, damit auch hier und dort in Medien und Politik endlich Wissen vor Mythen, Zivilcourage vor Anpassung Einzug halten.

Melzer, Abraham: Merkel erwache! Israel vor Gericht. Essays eines antizionistischen Juden. Mit einem Vorwort von Moshe Zuckermann. Zambon Verlag. Frankfurt am Main 1915, 306 Seiten