Zuckermann, Moshe: Der allgegenwärtige Antizionismus oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit *

In der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus werden wahllos und ungebrochen Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Nicht-Juden des Antisemitismus bezichtigt.

 

Moshe Zuckermann

(c) Wikimedia Commons

Die Debattenkultur in Deutschland, etwas verhaltener auch in der Schweiz, ist vergiftet und die Realität völlig aus dem Blickfeld des Diskurses geraten. Deutsche solidarisieren sich mit einem Israel, das seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet, und wer das kritisiert, wird schnell zum Antisemiten gestempelt. In seinem neuen Buch nimmt der Historiker und Philosoph Moshe Zuckermann diesen aktuellen Diskurs schonungslos in den Blick und spricht sich für eine ehrliche Auseinanderstzung mit der deutsch-israelischen Geschichte aus.

Für jene, die Moshe Zuckermann von seinen früheren Werken noch nicht kennen – fünf Bücher sind auf meiner Website besprochen –, hier eine kurze Selbstdarstellung: «Ich bin 1949 in Israel geboren. 1960 sind meine Eltern nach Deutschland emigriert, wo ich das zweite Jahrzehnt meines Lebens verbrachte. 1970 bin ich aus bewusster zionistischer Entscheidung nach Israel zurückgekehrt und lebe seither in diesem Land, vermutlich auch für den Rest meines Lebens. Es ist mein Land, in dem Sinne, dass sich in ihm meine Lebenswelt gebildet hat, dass ich seine Kultur aufgesaugt habe, seine Sprache spreche und meine berufliche Laufbahn in ihm verfolgt habe. Ich sehe dieses Land aber auch äusserst kritisch, weil es sich zu etwas entwickelt hat, das nicht nur zu meinen Vorstellungen der Jugendzeit in einem krassen Gegensatz steht, sondern weil es meines Erachtens auch in einem Gegensatz zu jedweder humanen, aufgeklärten und friedlich ausgerichteten Gesellschaft steht.»

Wie immer schreibt der Autor seine faktenreichen und profunden Analysen: differenziert, glasklar und radikal. Wenn ich als Laie einen Wunsch anbringen darf, dann den, dass ich mir für seine Bücher da und dort eine journalistische Aufarbeitung wünschte, keine Vereinfachung oder Trivialisierung, doch da und dort kürzere Sätze und gelegentlich gewisse Fremdwörter ins Deutsche übersetzt. Nachfolgend ein kleiner Ausschnitt seiner praktischen und nutzbaren «Einsichten», die für die aktuelle Diskussion in Deutschland, aber auch in der Schweiz, hilfreich sein dürften. Es sind Argumente gegen den sogenannten «neuen» Antizionismus, diesen Kampfbegriff der zionistischen Israel-Lobby, ihrer bezahlten Funktionäre und der arroganten Philosemiten, von denen es auch bei uns genügend gibt: «Nicht alle Juden sind Zionisten, nicht alle Zionisten sind Israelis, nicht alle Israelis sind Juden. Judentum, Zionismus und Israel sind voneinander zu unterscheidende Kategorien. Antiseminismus, Antizionismus und Israelkritik sind voneinander zu unterscheidende Kategorien. Man kann antisemitisch sein, ohne antizionistisch oder israelkritisch zu sein. Man kann antizionistisch sein, ohne antisemitisch oder israelfeindlich zu sein. Man kann iraelkritisch sein, ohne anzionistisch oder antisemitisch zu sein.»

Ein ins Groteske führender Beitrag referiert die Aktionen der israelischen Kulturadministration: Es ist die Geschichte mit dem 2012 zugesprochen und dann wieder abgesprochenen und mit einer Million Dollar dotierten «Genesis Prize» für die jüdische Schauspielerin Natalie Portman. Nicht minder absurd ist auch die am 14. April 2018 vorgefallenen Geschichte «Deutschland trägt Kippa». Das Buch schliesst mit einem 43-seitigen Beitrag von Susann Witt-Stahl, «( Anti-)Deutsche Zustände» über die Rechtswende von Linken im Täterland und ihr Verrat am humanistischen Jugentum – eine Ideologiekritik»: eine ausgezeichnete Ergänzung.

Zuckermann, Moshe: Der allgegenwärtige Antizionismus oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit. Mit einem Beitrag von Suann Witt-Stahl. Westend Verlag, Frankfurt/Main 2018. 255 Seiten