Edlinger, Fritz (Hg.): Der Nahe Osten brennt. Zwischen syrischem Bürgerkrieg und Weltkrieg

Als im Frühjahr 2011 die Ausläufer des sogenannten Arabischen Frühlings Syrien erreichten, war die Katastrophe, die sich daraus entwickelte, nicht absehbar. Heute steht der ganze Nahe Osten in Flammen.

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Syrien existiert als funktionierendes Staatsgebilde nicht mehr. Religiöse Fundamentalisten und marodierende Banden beherrschen weite Teile der Region, Kämpfe für ein Kalifat haben die von den Kolonialmächten gezogenen staatlichen Grenzen gesprengt. Politische Unzufriedenheit im Inneren wurde von aussen befeuert. Ein jahrelanger Bürgerkrieg, der die ganze Region verheert, droht einen Weltkrieg zu entfachen. Darüber informiert fundiert, faktenreich und vernetzt das Buch «Der Nahe Osten brennt. Zwischen syrischem Bürgerkrieg und Weltkrieg». Es enthält Beiträge von Johannes Auer, Nikolaus Brauns, Murat Çakir, Fritz Edlinger, Hannes Hofbauer, Tyma Kraitt, Karin Leukefeld, Rüdiger Lohlker, Gerhard Mangott, Norman Paech und Werner Ruf und ist herausgegeben von Fritz Edlinger, dem Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen. (Siehe auch sein Buch über Palästina.) Diese Expertenrunde aus Historikern, Politologen, Kulturanthropologen und Journalisten versucht, Ordnung in den nahöstlichen Knäuel von spontanen Meinungen und Teilwahrheiten zu bringen mit belegten Fakten, fundierten Analyse und begründeten Meinungen, die gleichwohl, der ungeheuren Komplexität wegen, nicht mehr sind als Teilwahrheiten und Momentaufnahmen. Ergänzt werden die zwölf Beiträge, aktualisiert bis zum misslungenen Putschversuch vom 15./16. Juli 2016, mit einer 20-seitigen Zeittafel Syrien, die allein schon ein wertvolles Nachschlagewerk ist.

Mit der Floskel vom «Kampf gegen den Terrorismus», dem jeder Beteiligte seine eigene Definition zugrunde legt, wird eine mittlerweile fast unüberschaubare Anzahl von Interventionen gerechtfertigt. So sind am syrischen Schlachtfeld, von wo wir täglich News bekommen, neben lokalen Akteuren Einheiten der USA, Saudi-Arabiens, Katars, des Iran, der libanesischen Hizbollah, der Türkei, Grossbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und Russlands aktiv. Millionen von Flüchtlingen, der sich ihrer Lebensgrundlagen beraubte Menschen aus Afghanistan, Pakistan, Nordafrika und der Sahelzone, anschliessen, sind direkte Folge der nahöstlichen Implosion. Mit ihnen kehren soziale Not und Krieg, die der Westen mitverursacht hat, auch in die Zentren Europas zurück. Auf der andern Seite stehen der Islamische Staat, dessen Kämpfer in Syrien und Irak inzwischen auf etwa 50'000 Mann geschätzt wird, die Nusra-Front, die al-Qaida, Boko Haram, Kata'ib Ahrar al-Sham, Liwa Saquour al-Sham, die Brigaden der Märtyrer Syriens, die Islamische Front, die Harakat al-Sham al Islamiyya, Jaish al-Islam, Suquour al-Sham, Liwa al-Tawhid Liwa al Haqq usw. usf. – also mehr kriegerische Formationen als es im Nahen Osten Länder gab.

Obwohl es vor allem um Syrien und die umliegenden Länder geht, werden auch die weltweiten Zusammenhänge in die Beschreibung einbezogen. Etwa das absurde Paradigma des «Kampfes der Kulturen» von Samuel Huntington, das hier als Self fullfilling prophecy offensichtlich in praktische Politik umgesetzt worden ist, dass konfessionalisierte Politik sich nicht mehr regional begrenzen lässt, sondern als transnationales Phänomen ausbreitet. Mit verschiedenen Perspektiven und Disziplinen gibt der Band neue Einblicke und Durchblicke, wo diese in den täglichen Medien meist fehlen. Ein im Buch zitierter Gedanke, nämlich der Satz von Sir Peter Ustinovs, «Terror ist der Krieg der Armen, Krieg ist der Terror der Reichen», dürfte wohl auch Laien beim Weiterdenken helfen. Ich frage mich, ob dieser Gedanke nicht auch die heutige und morgige Flüchtlingssituation ein Ergebnis des Krieges der Armen und des Terrors der Reichen ist – was wir in unseren Alltagsdiskussionen tunlichst verdrängen.

Edlinger, Fritz (Hg.): Der Nahe Osten brennt. Zwischen syrischem Bürgerkrieg und Weltkrieg. Promedia Verlag, Wien 2016, 246 Seiten